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  1. Wilhelmine von Grävenitz – Wikipedia

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    Wilhelmine von Grävenitz wurde in eine kleinadlige Familie hineingeboren, die weit verzweigte Verbindungen zu den Fürstenhöfen des Heiligen Römischen Reiches unterhielt, etwa in das Herzogtum Mecklenburg-Güstrow (Wilhelmines Vater Hans Friedrich von Grävenitz als Hofmarschall), in das Königreich Preußen (Wilhelmines Schwester Eleonore von Grävenitz als Vertraute von Königin Sophie Luise) und in das Herzogtum Württemberg (Wilhelmines Bruder Friedrich Wilhelm von Grävenitz). Letzterer machte unter Herzog Eberhard Ludwig als Geheimer Rat, Oberhofmeister und Premierminister Karriere. Friedrich Wilhelm von Grävenitz gehörte jedoch nicht dem württembergischen Adel an. Dies erhöhte seine Abhängigkeit von dem württembergischen Herzog. Um sich die Gunst Eberhard Ludwigs zu sichern, positionierte er schließlich seine Schwester Wilhelmine am Hof.[1]

    Der intrigante Plan von Friedrich Wilhelm fand eine Unterstützerschaft am württembergischen Hof; den Hofmarschall Johann Friedrich von Staffhorst, die Mätresse Madame de Ruth und den Geheimrat von Reischach. Der mit dem Herzog befreundete Fürst Friedrich Wilhelm von Hohenzollern-Hechingen war ebenfalls eingeweiht. Die näheren Motive der einzelnen Personen sind nicht geklärt.[2] Sicher ist nur, dass Wilhelmine zunächst an den Pocken erkrankte. Ihre Reise nach Stuttgart verzögerte sich um ein Jahr. 1706 nahm Hofmarschall Staffhorst sie in sein Stuttgarter Haus auf. Dort erhielt sie die für den Hofaufenthalt erforderliche Garderobe und wurde auf das standesgemäße Auftreten in der Hofgesellschaft vorbereitet. Am Anfang galt das Interesse des Herzoges jedoch noch einer anderen Mätresse, der Madame von Geyling.[3] Ohne eine von der höfischen Öffentlichkeit bezeugte Vermählung mit Eberhard Ludwig blieb Wilhelmines rechtlicher und sozialer Status höchst ungesichert.[6] Sie hatte jederzeit das Risiko, vom Herzog in einer kritischen Situation verleugnet zu werden. Ihr Rang und ihre wirtschaftliche Absicherung waren somit in Gefahr. Im Jahr 1707 gelang es ihr, Eberhard Ludwig zumindest zu einer geheimen Heirat auf dem Rittergut Neuhaus bei Bierlingen (Gemeinde Starzach) zu überzeugen. Der Herzog beging damit Bigamie, denn bereits im Jahr 1697 war er mit Johanna Elisabeth von Baden-Durlach eine Ehe eingegangen.[6] Die morganatische Zweitehe traf sowohl innen- wie außenpolitisch noch auf den Widerstand der württembergischen Landstände, der Bevölkerung, des Kaisers, der Ehefrau und einiger Reichsfürsten. Die religiös-moralisch begründeten Bedenken des Pfarrers Johann Jakob Pfähler, der der heimlichen Heirat seinen kirchlichen Segen und damit Rechtmäßigkeit verleihen sollte, konnte Eberhard Ludwig mit der Aussicht auf reichere Pfründen zerstreuen. Der genaue Ablauf des Heiratszeremoniells und das Datum sind bis heute unbekannt.[6] Die Nachricht von der Doppelehe Eberhard Ludwigs hatte bereits am 15. November 1707 Durlach erreicht.[9] Dort regierte mit Markgraf Friedrich Magnus von Baden-Durlach der Vater der vom württembergischen Herzog betrogenen Johanna Elisabeth. Der Markgraf befahl unverzüglich, Boten an befreundete und verwandte Fürstenhöfe zu entsenden, um die Nachricht zu verbreiten. Besonderes Interesse zeigte die badische Regierung, wie der Kaiserhof in Wien sich positionieren würde. Am Wiener Hof wirkten enge Verwandte der badischen Dynastie, die die Stimmungslage zu Gunsten Johanna Elisabeths neigen konnten. Bevor der Markgraf handelte, wollte er sich der Rückendeckung Kaiser Josephs I. versichern. Tatsächlich bildete sich in Wien eine Kommission, die Eberhard Ludwig dazu bewegen sollte, sich von der Gräfin von Grävenitz scheiden zu lassen. Zwar lehnte Kurfürst Georg Ludwig I. von Hannover den Auftrag der Kommission ab, doch Herzog Anton Ulrich von Braunschweig und Landgraf Karl von Hessen-Kassel befürworteten eine Verbannung Wilhelmines aus Württemberg. Alle Beteiligten verzichteten jedoch auf eine Eskalation der Staatsaffäre, indem sie auf Verhandlungen setzten. Von einer Klage beim Reichshofrat blieb Eberhard Ludwig somit verschont.[9] Der Tod von Markgraf Friedrich VII. von Baden-Durlach, dem Vater von Johanna Elisabeth, am 25. Juni 1709 trug zu einer wesentlichen Entschärfung der Wilhelmine-Affäre bei.[14] Nun bestieg Karl Wilhelm, der spätere Gründer von Karlsruhe, den Thron in Durlach. Angesichts des andauernden Spanischen Erbfolgekrieges, der sowohl Baden-Durlach wie auch Württemberg zu verwüsten drohte, war Karl Wilhelm zu einem Kompromiss bereit. Am 26. März 1710 traf er sich in Stuttgart mit Eberhard Ludwig. Zu den Teilnehmern der Konferenz zählte auch Gustav von Mardefeld, ein Vertreter der kaiserlichen Kommission. Beide Lager einigten sich auf einen Entwurf, der garantierte, dass Johanna Elisabeth die Mätresse im Falle ihrer Rückkehr anerkennen und Eberhard Ludwig im Gegenzug seiner Ehefrau Versöhnung zusichern musste. Mit dem Beschluss der Konferenz wurde es Johanna Elisabeth unmöglich gemacht, weiter politisch gegen Wilhelmine von Grävenitz zu intrigieren.[14] Im Frühjahr 1710 stimmte Johanna Elisabeth nach anfänglichem Widerstand einer Versöhnung mit Eberhard Ludwig zu. Damit war der Herzog formal allen Forderungen der kaiserlichen Kommission nachgekommen. Wahrscheinlich bereitete der Berater Johann Heinrich von Schütz den Scheinehe-Schachzug vor, der Wilhelmine ihre Rückkehr nach Württemberg ermöglichen sollte. Schütz war während der Grävenitz-Affäre am Wiener Hof anwesend und in Verhandlungen verstrickt.[12] Im späten 17. und im 18. Jahrhundert ging von den württembergischen Herzögen in eingeschränkter Form ein absolutistischer Regierungsstil aus.[18] In dieser Hinsicht waren nahezu alle wichtigen politischen, wirtschaftlichen und militärischen Entscheidungen an die persönliche Zustimmung des Herzogs gebunden. Für Wilhelmine von Grävenitz bedeutete dies, dass sie erstens mit ihrem ungehinderten Zugang zu Eberhard Ludwig und zweitens als herzogliche Vertraute die Meinung des Herzogs beeinflussen konnte. Die Nähe zum Herzog machte sie zur Ansprechpartnerin für politische Bittsteller, die nicht zum exklusiven Umfeld Eberhard Ludwigs gehörten. Allerdings übte sie zwar beträchtlichen Einfluss aus, war aber nicht selbst in der Lage, Ämter zu verkaufen oder Privilegien zu verteilen. Diese Vorrechte gebührten einzig und allein dem Herzog, nicht seiner Mätresse. Zu den politischen Konkurrenten Wilhelmines entwickelten sich insbesondere Friedrich Wilhelm von Grävenitz und Johann Heinrich von Schütz. In ihrer Doppelfunktion als Minister und Vertraute des Herzogs konnten sie Entscheidungen Wilhelmines durchaus wieder rückgängig machen.[18] Der ehemalige Oberhofmarschall Georg Friedrich Forstner von Dambenoy machte die Gräfin von Würben für seinen Sturz am Hof verantwortlich.[25] Da er ab 1708 als Oberhofmarschall neben der Hofhaltung auch den Ludwigsburger Schlossbau leitete, machte ihn Eberhard Ludwig für die Misswirtschaft in Ludwigsburg verantwortlich. Der Bau des Residenzschlosses schritt aus Sicht des Herzogs zu langsam voran. Vorsichtshalber zog sich Forstner Ende April 1718 auf seine elsässischen Landgüter zurück, von wo aus er nicht mehr nach Württemberg zurückkehrte. Er veröffentlichte eine im ganzen Herzogtum Württemberg zirkulierende Verteidigungsschrift, in der er polemisierend die Gräfin als ehrlose Prostituierte beschimpfte. Er drohte sogar damit, ihr Porträt auf dem Marktplatz seiner Herrschaft in Dambenoy verbrennen zu lassen. Der Herzog reagierte auf diese Ehrverletzung seiner Mätresse, indem er Forstners Schriften unter großer öffentlicher Anteilnahme in Stuttgart verbrannte.[25] Ebenso wie eine Intrige ihren Aufstieg am württembergischen Hof befördert hatte, leitete eine Intrige ihren Sturz ein.[32] Hintergrund war der Umstand, dass Eberhard Ludwigs einziger Sohn und vorgesehener Nachfolger, Friedrich Ludwig, ab Mitte der 1720er Jahre stark kränkelte. Falls der Erbprinz Friedrich Ludwig ohne Nachkommen starb oder der Herzog keinen weiteren ehelichen Sohn zeugte, sollte ihm sein katholischer Cousin Karl Alexander auf dem Thron folgen und das lutherische Württemberg regieren.[32] Der Herzog fürchtete eine Rekatholisierung Württembergs nach seinem Tod. Schließlich gab er dem Drängen aus seinem Umfeld nach und erklärte am 24. April 1731 öffentlich, sich von Wilhelmina von Grävenitz trennen zu wollen. Am 11. Mai 1731 ließ er ihr den Befehl erteilen, den Ludwigsburger Hof zu verlassen. Der Zeitpunkt war gut gewählt, denn am selben Tag brach Eberhard Ludwig mit großem Gefolge zu einem Staatsbesuch nach Berlin auf. Für Wilhelmine von Grävenitz war er damit persönlich nicht mehr erreichbar, womit ihr jede Gelegenheit genommen war, ihn umzustimmen. Hinter der Intrige steckte eine Hofpartei um Friedrich Wilhelm von Grävenitz, Louis von Fürstenberg sowie die Herren von Röder, von Geyer und Spiznas. Wilhelmine zog sich in ihre Reichsritterschaft Freudental bzw. in das dortige Schloss zurück.[32] Das konfessionspolitische Thronfolge-Problem bestand jedoch weiterhin: Da eine neue Eheschließung Eberhard Ludwigs nicht zu Stande kam, versöhnte er sich vertraglich am 30. Juni 1731 mit der Herzogin Johanna Elisabeth.[33] Wilhelmine stellte nun einen Störfaktor dar, denn der Herzog musste unbelastet von alten Bindungen in die standesgemäße Beziehung gehen. Auch Wilhelmines Beziehungsgeflecht wies Brüche auf: Mit dem kränkelnden Eberhard Ludwig und dem Tod von Friedrich Ludwig am 23. November 1731 kündigte sich bereits ein Regierungswechsel an, womit es für die Höflinge darauf ankam, die Gunst des Nachfolgers Karl Alexander zu gewinnen. Die Grävenitz-Fraktion und damit die Unterstützung für Wilhelmine verlor an Rückhalt.[34]

    Da die Heirat der Öffentlichkeit vorerst nicht bekannt gegeben wurde, hatte sich Wilhelmines unsichere Situation nicht verbessert.[7] Obwohl Gerüchte einer Heirat kursierten, wurde sie von der Hofgesellschaft weiterhin als nur als eine kurzfristige Geliebte des Herzogs angesehen, die bald von einer anderen Favoritin verdrängt werden konnte. Um doch noch als seine rechtmäßige Frau anerkannt zu werden, drohte sie Eberhard Ludwig vermutlich damit, ihn zu verlassen, sollte er nicht ihrer Forderung nachkommen.[7] Mit der sogenannten Uracher Proklamation gab der Herzog schließlich die Heirat mit Wilhelmine bekannt. In dem Dokument ließ er die Heirat fälschlicherweise um ein Jahr zurückdatieren. Die schon länger bestehende Ehe sollte Zweifel an der Rechtsgültigkeit unterbinden. In Urach stellte er Wilhelmine von Grävenitz erstmals unter Anwesenheit des Hofes und der Minister als seine Ehefrau vor. Darüber hinaus verfügte er am 19. November 1707 in Pfullingen vertraglich, dass sie den vererbbaren Titel einer Gräfin von Urach annehme, auf Lebenszeit 10000 Gulden jährlich erhalte, ein Wohnrecht in der Uracher Residenz genieße und er ihr alle von ihm geschenkten Juwelen und Mobilien bestätige.[7] Für die Rangaufwertung hatte Eberhard Ludwig seit Monaten in Wien Verhandlungen führen lassen, denn nur der Kaiser konnte Wilhelmine unanfechtbar in den Reichsgrafenstand erheben. Dass der Herzog ihr den Titel als Gräfin von Urach noch vor der urkundlichen Bestätigung des Kaisers zugestand, war formal ein Rechtsbruch, der aber nicht geahndet wurde. Im Dezember 1707 händigte der Wiener Hof ein Diplom aus, das den begehrten Titel sowohl Wilhelmine als auch ihrem Bruder zugestand.[8] Die Grävenitz-Affäre konnte mit dem Konstrukt einer Scheinehe überwunden werden.[15] Durch die vorgetäuschte Eheverbindung Wilhelmines mit dem Grafen Johann Franz Ferdinand von Würben und Freudental, einem kaiserlichen Kammerherrn, sollte der Anschein erweckt werden, ihre Rückkehr im Februar 1711 habe nichts mit der früheren Beziehung zum württembergischen Herzog zu tun. Da Eberhard Ludwig den Grafen Johann Franz Ferdinand von Würben und Freudental kurz darauf zum Landhofmeister ernannte, gewann sie mit der Stellung einer Landhofmeisterin eine sichere und hohe Position am Hof. Zeitweilig stand sie an der Spitze der weiblichen Rangfolge, da Johanna Elisabeth den höfischen Geselligkeiten in Ludwigsburg fernblieb.[15] Erst mit der Ankunft von Henriette Marie von Brandenburg-Schwedt, der Ehefrau von Eberhard Ludwigs Sohn, wurde ihre höfische Stellung übertroffen. Viel Rücksicht auf ihren Ehemann musste Wilhelmine nicht nehmen, denn angeblich soll sich der Graf verpflichtet haben, die Ehe nicht zu vollziehen und dem Hof fernzubleiben. Somit konnte er allerdings auch nicht sein Amt ausüben, das ihn formal eigentlich zum Leiter der Landesverwaltung prädestinierte. Nach seinem Tod wurde die Würde des Landhofmeisters kein weiteres Mal vergeben. Dennoch profitierte der von Wiener Spielschulden geplagte Johann Franz Ferdinand von Würben und Freudental von der Heirat, die ihm finanzielle Vorteile brachte.[15] Ein Ausgleich zwischen Kaiser, Eberhard Ludwig und Wilhelmine von Würben wurde erst im Uracher Rezess vom 19. Dezember 1732 erreicht.[38] Wertgegenstände und Dokumente musste Wilhelmine dem Herzog zurückgeben. Sie musste sich verpflichten, nie wieder württembergischen Boden zu betreten. Das herzogliche Lehen Welzheim ging in den Besitz ihrer Brüder Friedrich Wilhelm von Grävenitz und Karl Ludwig von Grävenitz über. Gochsheim, Stetten und Brenz wurden nach einer Entschädigungszahlung von 125.000 Gulden zu herzoglichem Besitz. Dieses Vermögen ermöglichte es Wilhelmine bis zu ihrem Tod 1744, ein standesgemäßes Leben in Berlin unter dem Schutz des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I. zu führen.[38]

    Eberhard Ludwig reagierte auf den Ungehorsam seiner Landesinstitutionen, indem er mit verdeckten Karten spielte: Mal sagte er zu, die Entscheidung über seine Zweitehe einem formalen Gerichtsverfahren zu überlassen und mal bestand er auf seinem fürstlichen Sonderrecht.[11] Mit dieser verwirrenden Strategie gelang es dem Herzog zunächst, seine Gegner im Unklaren über sein weiteres Vorgehen zu lassen. Der Herzog entschied sich letztlich dafür, auf den außen- und innenpolitischen Druck mit scheinbaren Zugeständnissen zu reagieren. Notgedrungen stimmte er der Annullierung seiner Zweitehe zu. Die Scheidung wurde am 18. Juni 1708 durch ein württembergisches Ehegericht vollzogen, das sich aus drei geistlichen und drei weltlichen Räten zusammensetzte. Das Gericht war normalerweise für alle Untertanen, Beamten und Angehörigen der Universität Tübingen zuständig. Dass der Herzog sich eingeschränkt eigenem Recht speziell der Dritten württembergischen Eheordnung von 1687 beugen musste, war eine große Demütigung für Eberhard Ludwigs Selbstverständnis.[11] Doch mit seinem Entgegenkommen signalisierte er dem Kaiser zugleich seine Verhandlungsbereitschaft. Eberhard Ludwig zeigte sich bereit, weitere Zugeständnisse einzugehen, wenn Joseph I. den Bestand von Wilhelmines Reichsgrafenwürde garantierte und eine beträchtliche Abfindungssumme durch die Landstände befürwortete.[12] Am 16. November 1708 befahl Kaiser Joseph I. in einem Reskript, dass Wilhelmine ihren gräflichen Titel und Rang verlieren würde, sollte sie nicht Württemberg und die angrenzenden Territorien verlassen. Er drohte ihr mit einem Prozess wegen Bigamie, forderte zugleich aber auch die württembergischen Landstände dazu auf, dem Herzog Unterordnung und Respekt zu zollen.[13] Am 28. Dezember 1708 verließ Wilhelmine von Grävenitz Württemberg in Richtung Schweizer Exil freilich ausgestattet mit einer herzoglichen Abfindung von 50.000 Gulden. Mit diesem Schachzug eroberte der Herzog trotz der Demütigung seines Ranges einen politischen Handlungsspielraum zurück, der es ihm langfristig noch ermöglichen sollte, Wilhelmine wieder an seinen Hof zu holen.[11] Christina Wilhelmine von Würben starb am 21. Oktober 1744 und wurde im Gewölbe der Berliner Nikolaikirche bestattet. Bei Grabungsarbeiten anlässlich der Restaurierung der Kirche 1879 wurde aus dem Schutt ihre vergoldete Sargtafel geborgen. Die Inschrift lautet: Christina / Wilhelmina Gräffin / von Wirben gebohrne / Gräffin von Gräveniz / ist geboh:[ren] den 4. Februarii 1685 / selig gestorb:[en] 21 Octob: / 1744 / Hier liegt ein Gott versöhntes Kind / in Christi Blut gebunden / Dem Gott geschenckt all seine Sünd / Durch Christi Todt und Wunden / Die Seele ist im Himmel rein / Ihr Gott bewahret ihr Gebein / Läst sie mit Freuden / auferstehn.[41]

    Die Trauung fand in einer abgelegenen Kapelle im Gut Oberhausen bei Hausen am Tann statt. Die ausgestellten Urkunden des Tieringer Pfarrers wurden vernichtet.[16] Selbst ohne leibliche Kinder, adoptierte Wilhelmine ihre Nichte Wilhelmine Charlotte (17201771), die Tochter ihres Bruders Karl Ludwig und der Maria Anna Claudine geborene Schaffalitzky von Muckadell.[17]

    Die verschwenderische Lebensweise Eberhard Ludwigs traf im streng lutherischen Württemberg auf massive Kritik.[23] Missernten, Kriege und Seuchen wurden als Gottesstrafe für die Sündhaftigkeit des Herzogs angesehen. Aus Angst vor Repressalien wurde jedoch nicht der Herzog selbst zur Zielscheibe von Kritik und Spott, sondern dessen Mätresse. In dieser Hinsicht diente sie als eine Art Blitzableiter des Herzogs, der darauf angewiesen war, durch die Vergabe von Landgütern und die Aufrechterhaltung eines prachtvollen Hofes adelige Günstlinge an sich zu binden. Mit solchen politischen Maßnahmen wuchs die kulturelle Kluft zwischen Herzogshof und dem Großteil der Bevölkerung.[23] Wilhelmine von Grävenitz bot sich in dieser Situation besonders als Sündenbock an, da sie aus Sicht der Zeitgenossen als Mätresse die moralische Verkommenheit des Hofes symbolisierte. Mit der vorehelichen Beziehung zu Eberhard Ludwig hatte sie zuerst gegen das kirchliche Gebot der Jungfräulichkeit verstoßen, dann mit der Scheinehe das Prinzip der Bindung an einen einzigen (Ehe-)Mann verletzt und schließlich die Ressourcen des Staates für eigene Zwecke missbraucht. Allerdings muss darauf hingewiesen werden, dass eine Trennung von Staats- und Fürstenkasse in dieser Zeit noch unüblich war. Deshalb flossen in Form von fürstlichen Zuwendungen tatsächlich auch Staatsgelder in die Kasse der Mätresse.[23]

    Ein Fall von Denunziation lässt sich im Jahr 1717 belegen: Eine Kammerbedienstete der Gräfin von Würben behauptete, von einer Köchin gehört zu haben, dass Wilhelmine von Grävenitz den Herzog durch verbotene Mittel von sich abhängig mache.[24] Kinder habe sie abgetrieben und Hurerey betrieben. Das von der Bediensteten aufgegriffene Gerücht hat wahrscheinlich einen wahren Kern: Nach Angaben von Wilhelmines Sekretär habe sie Schönheitsmittel herstellen lassen. Viele der literarischen Schönheitsratgeber empfahlen Rezepte mit ungewöhnlichen Zutaten wie Regenwürmer oder Blut. Sogar Beschwörungsformeln wurden empfohlen, was häufig den Verdacht von Zauberei erregte. Dass Wilhelmine dem Schönheitskult folgte, entsprach dem barocken Zeitgeist und war nichts Ungewöhnliches. In der Gerüchteküche des Hofes, in der man die Grävenitz um ihre hohe Stellung beneidete, konnte es jedoch schnell zu derartigen Vorwürfen kommen. Die Kammerbedienstete leitete ihre Information an Johanna Elisabeth weiter, die wiederum den Hofprediger Samuel Urlsperger dazu veranlasste, die Köchin zu verhören. Als der Herzog von dem Geschehnis hörte, ließ er die Bedienstete und die Köchin gefangen nehmen und den Hofprediger von einer Untersuchungskommission verklagen.[24]

    Bei der Verhaftung von Wilhelmine beging Eberhard Ludwig einen folgenschweren Rechtsbruch: Die Reichsgrafschaft Freudental war nicht Teil des Herzogtums Württemberg, sondern unterstand wie alle Reichsritterschaften dem Schutz des Kaisers.[36] Da württembergische Truppen diesen Rechtsschutz missachtet hatten, sahen die Reichsritter ihre politische Souveränität grundsätzlich in Frage gestellt und der Kaiser seinen Anspruch auf oberrichterliche Funktion ignoriert. Aus diesen beiden Gründen schalteten sich nun Kaiser und Reichsritterschaft in die Angelegenheit ein. Eberhard Ludwig konnte aufgrund dieses Widerstandes weder eine dauerhafte Gefangenschaft der Gräfin noch eine ersatzlose Konfiszierung ihres Besitzes durchsetzen.[36]

    Trotz der Bewachung und Kontrolle in Urach hielt Wilhelmine den Kontakt zu ihren Gutshöfen aufrecht und konnte auch einen Briefwechsel mit Juristen am Wiener Kaiserhof und Ludwigsburger Höflingen pflegen.[37] Da der Herzog eine öffentliche Stellungnahme ihr gegenüber verweigerte, versuchte sie mithilfe von Gerüchten die Informationslage am Hof zu manipulieren, Gegner zu verunsichern und Eberhard Ludwig umzustimmen. In ihren Briefen beteuerte sie, dass der Herzog sie keineswegs verstoßen habe und schlechte Berater für ihre Verhaftung verantwortlich seien. Tatsächlich hielten sich Minister und Berater in der Grävenitz-Frage zunächst bedeckt, da sie einen Wandel der herzoglichen Meinung fürchteten. Ihre eigene Karriere war in Gefahr, wenn sie Eberhard Ludwig in dieser Hinsicht verärgerten. Wilhelminas Ziel bestand darin, nichts gegen eine Versöhnung des Herzogs mit Johanna Elisabeth einzuwenden, sehr wohl aber an den Hof zurückzukehren.[37]

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